Vor 60 Jahren: Ecclesiam suam

Paul VI. und der Weg
des Dialogs

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09. August 2024

»Der Dialog ist nicht hochmütig, verletzend oder beleidigend. Seine Autorität wohnt ihm inne durch die Wahrheit, die er darlegt, durch die Liebe, die er ausstrahlt, durch das Beispiel, das er gibt; er ist weder Befehl noch Nötigung. Er ist friedfertig und meidet die heftigen Ausdrücke; er ist geduldig und großmütig.« Das schrieb Paul VI. in seiner ersten Enzyklika Ecclesiam suam, die am 6. August vor genau 60 Jahren veröffentlicht wurde. Diese wenigen Worte reichen aus, um zu ahnen, wie außerordentlich aktuell sie ist. Die ganz aus eigener Feder stammende Enzyklika erschien etwas mehr als ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst, während das Konzil noch im Gange war. Der Papst aus Brescia definierte die Sendung Jesu als »Dialog des Heiles« und merkte an: »Der Dialog des Heiles nötigte niemand physisch, ihn aufzunehmen, es war eine unerhörte Einladung der Liebe, sie bedeutete eine erschreckende Verantwortung für jene, an die sie gerichtet war – sie ließ ihnen die Freiheit, ihr zu entsprechen oder sie zurückzuweisen.« Diese Form der Beziehung lässt das »Bestreben nach Korrektheit« erkennen sowie »Wertschätzung, Sympathie, Güte auf Seiten dessen, der ihn aufnimmt; sie schließt eine a-prioristische Verurteilung, eine beleidigende und gewohnheitsmäßige Polemik und eitles, unnützes Reden aus«. Es ist nicht zu übersehen, dass diese Herangehensweise Lichtjahre entfernt ist vom digitalen Geschwätz derer, die alles und jeden verurteilen, eine abwertende Sprache verwenden und anscheinend immer einen »Feind« brauchen, um zu existieren.

Ziel des Dialogs, der für Paul VI. in der Natur der Verkündigung des Evangeliums liegt, ist nicht die unverzügliche Bekehrung des Gesprächspartners – eine Bekehrung, die im Übrigen immer ein Werk der Gnade Gottes ist, nicht der dialektischen Weisheit des Missionars. Außerdem setzt er »eine innere Haltung voraus, […], die innere Verfassung dessen, […], der sich bewusst ist, das eigene Seelenheil nicht vom Suchen nach dem Heil des anderen trennen zu können«. Man rettet sich also nicht allein, und auch nicht, indem man sich abgrenzt oder in eine von der Welt getrennte »Festung« zurückzieht, um sich um die »Reinen« zu kümmern und eine Kontaminierung zu verhindern. Dialog ist »Verbindung von Wahrheit und Liebe, von Klugheit und Güte«. Er ist nicht die Auslöschung der Identität derer, die meinen, dass es für die Verkündigung des Evangeliums notwendig ist, sich der Welt und ihrer Agenda anzupassen. Er ist nicht Verherrlichung der Identität als Abgrenzung, bei der man von oben auf »die anderen« herabblickt. »Die Kirche muss zu einem Dialog mit der Welt kommen, in der sie nun einmal lebt. Die Kirche macht sich selbst zum Wort, zur Botschaft, zum Dialog«, denn »noch bevor man die Welt bekehrt, ja um sie zu bekehren, muss man sich ihr nahen und mit ihr sprechen«. Die Welt, so erklärt Paul VI., »wird nicht von außen gerettet«.

Aber die erste Enzyklika des Papstes enthält, von den ersten Worten an, weitere wertvolle Hinweise für die Zeit, in der wir leben. Ecclesiam suam, es ist »Seine Kirche«, es ist die Kirche ihres Stifters Jesus Christus. Sie gehört nicht »uns«, wir haben sie nicht mit eigener Hand errichtet, sie ist nicht die Frucht unseres Könnens. Ihre Wirksamkeit hängt nicht vom Marketing, von ausgeklügelten Kampagnen, von Einschaltquoten oder von der Fähigkeit, Stadien zu füllen, ab. Die Kirche exis-tiert nicht, weil sie in der Lage ist, große Events, Medienfeuerwerke und Strategien nach dem Vorbild der Influencer zu produzieren.

Sie ist in der Welt, um durch das tägliche Zeugnis so vieler »armer Christenmenschen« – Sünder, die Vergebung empfangen haben – die Schönheit einer Begegnung aufleuchten zu lassen, die rettet und eine Perspektive der Hoffnung schenkt. Sie ist in der Welt, um jedem die Möglichkeit zu geben, dem Blick Jesu zu begegnen.

(Orig. ital. in O.R. 2.8.2024)

Von Andrea Tornielli